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Präkognitives Musikerlebnis

September 13, 2007
Olaf Schirm

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Ich kannte mal jemanden, der hat immer wenn er – ihm bekannte – Musik hörte, die Musik einige Sekunden “vorausgehört” und meist die kommenden Töne gepfiffen kurz bevor sie tatsächlich “dran” waren.

Ich war einige Zeit in einem Sendestudio tätig und dort hatten wir CD-Abspielgeräte, die kurz vor Ende eines Stückes einen 10 Sekunden Countdownbalken starten, um anzuzeigen daß gleich das Stück aus ist und den sekundengenauen Anschluss eines neuen Inhaltes (z.B. Moderation) zu ermöglichen.

Das London Philharmonic Orchestra spielte unter Leitung von Charles Dutoit gestern anlässlich des Musikfestes Berlin Stücke von Debussy, Chausson und Ravel. Es war ein phantastisches Erlebnis und erstmalig fiel mir hier das stark ausgeprägte präkognitive Musikerlebnis auf, kurz: man weiss was kommen wird.

Es ist nämlich so: bei einer CD, im Radio etc. wird man – wenn man das Stück nicht kennt – von nächsten Ton überrascht. Das fällt aber üblicherweise nicht so auf, denn man kann man den nächsten Ton erraten weil er bestimmten Gesetzmäßigkeiten des gefälligen Musikgenusses folgt.

Beim Orchester sieht man meist den nächsten Ton, zumindest wenn das Instrument neu einsetzt. Der Musiker stellt in Spielpausen sein schweres Instrument ab, nimmt den Dämpfer raus oder schultert die Geige ab, legt die Klöppel aus der Hand, nimmt die Hände von den Harfensaiten. Kurz vor seinem Einsatz nimmt er das Instrument wieder auf, macht sich spielbereit, blättert die Noten um und knickt ein Eselsohr in die nächste Seite um sicherer umblättern zu könnne, wenns schnell gehen muss.

Wenn z.B. ein Dutzend Streicher ihre Geigen aufnehmen obwohl gerade nur eine Triangel zarte Kristalltöne produziert, dann weiss man, jetzt kommt gleich ein grosses akustisches Seidentuch oder eine schwerer Teppich über das Ganze. Insbesondere wenn die Tuba aufgenommen wird und die Schlagzeuger die unbefellten Klöppel aufnehmen und sich vor den Pauken und Gongs positionieren weiss man – präkognitiv – gleich gehts zur Sache mit einem Wumms.

Ich bin mir gar nicht so sicher ob ich das gut finde, weil es von dem jetzigen Musikereignis ablenkt. Sehr schön fand ich aber ein starkes Bild welches bei Ravel entstand. In “La Valse” sah ich eine Woge durchs Orchester laufen bevor sich die Woge akustisch ausbreitete und es stellte sich mir die Frage: ist die Präkognition von Ravel hier bewusst choreographiert worden?

1 Comment

  1. Randi Dohrin September 13, 2007at 2:18 pm

    “La Valse” – Poème chorégraphique – schuf Ravel ursprünglich als Auftragswerk für eine Choreographie. Dem Auftraggeber gefiel das Werk jedoch nicht und so blieb es vorerst ein reines Orchesterwerk. Neun Jahre nach der Uraufführung (1929) gab es jedoch die erste getanzte Aufführung an der Opéra de Paris.

    Ich glaube schon, dass Ravel die akustische Woge des Orchesters zu seiner Ballettmusik “La Valse” beabsichtigt hat, was dem London Philharmonic Orchestra interpretatorisch hervorragend gelungen zu sein scheint auf dem Berliner Musikfest!

    Im Übrigen lesen Musiker auch häufig vor, das heißt, es kann durchaus passieren, dass man/sie sich noch auf der vorhergehenden Seite befindet(n) und die Musiker schon die nächste Seite umblättern.

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